Sam Jost
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Farbmanagement für die Digitalfotografie

Immer wieder die Angst vor der eigenen Courage: Erst hab ich die Idee, das ganze Projekt größer aufzuziehen, einen Raum zu suchen, Leute dazuzuholen, vielleicht einen Videofilmer zum dokumentieren, dann zucke ich innerlich zusammen und denke mir, es wäre doch weniger Streß, wenn ich das ganz alleine oder nur mit ein zwei Leuten angehe.

Doch innerlich weiß ich: ich will das mit anderen zusammen machen, mit möglichst unterschiedlichen Leuten. Menschen, die andere Ideen haben als ich, anders an das Licht herangehen, die innerhalb meiner Struktur Dinge (er)finden, auf die ich allein nie kommen würde. Es geht mir nicht darum, das nun mein Name auf dem Buch steht, ich damit das dicke Geld verdiene (schön wärs), sondern darum, das beste Buch zu dem Thema zu machen, das mir möglich ist. Und wenn da andere mit im Boot sind, umso besser: Desto mehr werde ich selber auch bei der Erstellung lernen.

Ja, das kann schiefgehen. Ich kann dabei viel Zeit und wohl auch etwas Geld in den Sand setzen, aber ganz sicher werde ich eine Menge lernen, und wenn es nur meine Grenzen sind, die ich kennenlerne. Und ich hoffe für meine Mitstreiter wird das genauso spannend und lehrreich wie für mich.

Also: Tief durchgeatmet und ran ans Werk. Freiwillige fanden sich als erstes, ein Termin war recht einfach und jetzt habe ich sogar den Raum gefunden. Also auf gehts zum zweiten Anlauf

Buch über Licht in Fotos

Wie wirkt ein Lichtaufbau? Um das wirklich erkennen zu können, brauche ich zwei Fotos, die unterschiedlich belichtet aber ansonsten identisch sind:

Sam erschrocken unterschiedliches Licht

Hier sieht man deutlich, was für einen Unterschied das Licht macht. Das Auge wandert völlig anders durch das gleichmässig ausgeleuchtete Bild als durch das eher dunkel gehaltene, gezielt beleuchtete.

Für mich wirkt das recht Bild wie das vorwegnehmen eines Ergebnisses. Als wenn man vor dem Ende des Krimis schon erzählt, wer der Mörder ist. Die Spannung ist raus, es sieht einfach nur aus wie ein Bild, es erzeugt bei mir keine besondere Stimmung, ich fühle mich einfach nur als Beobachter.

Das linke Bild hingegen enthält Spannung, bezieht mich anders ein. Mein Blick wandert immer wieder zum Gesicht, dessen Ausdruck in diesem Licht viel dramatischer wirkt.

Sind es subtile Unterschiede? Und wie! Doch für mich sind sie wichtig, machen den Unterschied zwischen einem normalen und einem guten Foto aus.

Veröffentlicht am Fr, 14. Okt 2011, 22:04 von Sam

Erhellend(Diskussion)
R. Ramer schrieb am Di, 18. Okt 2011, 16:43

Ein eindrücklicher Vergleich zweier unterschiedlichen Ausleuchtungen derselben Szene. Das macht richtig Lust auf eigene Experimente und neugierig darauf, was Du noch bringen wirst.

Nach dem Lesen Deines Artikels wollte ich mit Deinem Setup gleich meine eigenen Erfahrungen machen, was sich als gar nicht so einfach erwies, mir aber einige Erkenntnisse und Aha-Erlebnisse brachte.

Die Unterschiede in den beiden Bildern sind für mich recht gross: Links bleibt vieles im Dunkeln, rechts ist vieles zu erkennen. Das ist für mich auch der Hauptgrund, warum ich die beiden Bilder unterschiedlich betrachte.

Beim dunklen Bild gibt es bis auf das Gesicht und den Arm nichts zu sehen. Pose, Mimik, Geste und Blickrichtung sind das Einzige. Sie verraten mir die Gefühlslage des Protagonisten.

Beim hellen Bild sehe ich die gleiche Pose, Mimik, Geste und Blickrichtung, was auf die gleiche Gefühlslage schliessen lässt. Zusätzlich fallen mir noch die Kleidung und speziell der Aufdruck auf dem Oberteil und die rechte Hand auf, die etwas hält. Hier gibt es also mehr zu sehen. Dadurch ändert sich auch die Balance des Bildes.

Die beiden Bilder weisen zudem eine stark unterschiedliche Lichtführung aus: links ein hartes Streiflicht, rechts ein weiches Vorderlicht. Einmal eine minimale Ausleuchtung, einmal eine bildraumumfassende, wobei beide den Protagonisten im leeren Raum lassen. Einmal kühle Farbtemperatur, einmal eine wärmere, sofern mich mein Auge nicht täuscht.

Bei meinen eigenen Versuchen habe ich sowohl bei der hellen als auch bei der dunklen Version die Lichtführung nicht verändert und habe für die dunkle Variante lediglich das Aufhellicht ausgeschaltet sowie die Hintergundfarbe gewechselt. Der Unterschied ist dann "nur noch" ein Erschrockener oder ein fröhlich Winkender im Dunkeln bzw. im Hellen. Den Bildausschnitt habe ich so gewählt, dass sich der Protagonist heher links befindet und ihm damit mehr Blickraum gewährt wird. Speziell die dunkle Variante ist sonst etwas arg rechtslastig. Beide Variante sind für mich als Betrachter nachvollziehbar und qualitativ gleichwertig, weisen aber eine leicht unterschiedliche Aussage aus.

Den Unterschied zwischen den Lichtstilen Low-Key und Normal-Stil, einer räumlichen und einer flachen Ausleuchtung finde ich gross, haben ihren Einfluss auf die Bildaussage und drücken falsch angewannt auf die Qualität des Bildes. Subtile Unterschiede sind sicher beteiligt am Unterschied zwischen einem normalen und einem guten Foto. Soweit stimme ich Dir zu. Deine beiden Bilder zeigen sehr schön, dass man mit der Lichtführung einiges dazu beitragen kann - sowohl zum guten wie auch zum normalen oder sogar schlechten Bild.


Dagaz schrieb dazu am Mi, 19. Okt 2011, 12:09

Ich mag die beiden Bilder zur Veranschaulichung auch sehr.

Aber um noch mal einen Hinweis an Sam für sein Buch zu geben (alles folgende mit Hinweis darauf, dass ich die Art des Buches noch nicht kenne und ausschließlich für mich in Hinblick auf meine Erwartungen an ein praktisches Lehrbuch schreibe ;)):

Ich finde die beiden Bilder sehr klasse. Die Frage wäre für mich nur, was ganz genau damit illustriert wird. Für mich ist das Bild entweder kein gutes Beispiel für die Auswirkung von "Lichtaufbau", oder Deine Definition von "Lichtaufbau" ist weiter als meine. Nach meinem Verständnis würde ich unter "Lichtaufbau" lediglich Änderungen an der Beleuchtung verstehen. Also das Aufbauen der Lichtquellen. Klar, man kann auch einen weißen Hintergrund noch als Reflektor und einen schwarzen als Abschatter betrachten. Aber ich persönlich würde den Hintergrund intuitiv eher als "Teil der Szene" begreifen.

Bei den Beispielbildern sind demnach aber wenigstens zwei Dimensionen (wie gesagt: nach meinem Versändnis!) verändert worden:

Für das Buch deshalb meine Empfehlung: Eine klare Darstellung, wo Lichtaufbau für Dich seine Grenzen hat bzw. was für Dich als Autor da noch mit rein fällt und was nicht.
Sonst kommt hat man schnell das Problem, dass Beispielbilder für den Leser (der den Begriff enger interpretiert) gleich in mehreren Dimensionen verändert sind, was dann dem Verständnis vielleicht eher weniger zuträglich ist, weil das Beispiel nicht mehr "ceteris paribus" ist.

Als ein Beispiel für das Zusammenwirken von Licht und Szene in Hinblick auf eine Bildaussage sind die beiden Bilder für mich hervorragend. Ich kann mich da auch an genau gar kein besseres Beispiel erinnern. Die Beschreibung Deiner Interpretatino der Bildwirkung ist auch sehr ähnlich zu dem, was ich zuerst gedacht hatte. Das low-key Bild hatte für mich sehr was von "Angst", "Spannung" und "Überraschung" und erinnerte mich sehr an die alten s/w-Hitchcock-Filme; das high-key Bild hat für mich eher etwas von "Flucht".

Und: Noch mal meinen Respekt dafür, dass Du zwei mal die Pose so unglaublich gleich hinbekommen hast! Wow!

LG, Johannes


Sam schrieb dazu am Mi, 19. Okt 2011, 15:02

Roger, ich musste auch feststellen, dass es erstaunlich viel Aufwand ist, sowas gut hinzubekommen, und ich habe einige interessante Ideen für Vergleiche, die ins Buch kommen werden, die sich deutlich ähnlicher sind als diese beiden Fotos. Manchmal mit erschreckend wenig Unterschieden (auf ein paar Vergleich freue ich mich schon ganz besonders, aber ich will nicht vorgreifen).

Und eine Erklärung zum Hintergrund: diese beiden Bilder unterscheiden sich nur durch den Blitz. Johannes, ich habe die Pose nicht zweimal eingenommen, die Fotos  sind im Abstand von knapp einer Sekunde entstanden. Ich habe die Pose einfach nur gehalten.

In meinen ersten Versuchen habe ich festgestellt, dass schon eine kleine Veränderung in der Pose einen deutlichen Unterschied im Bild macht, durch den es schwer wird, das Licht zu vergleichen. Aus diesem Grunde lag mein Hauptaugenmerk bei den Fotos darin, dass die Pose so identisch wie nur möglich zu haben, und das klappt nur befriedigend, indem ich beide Fotos quasi gleichzeitig mache.

Vielleicht lässt das die beiden Fotos nochmal in einem anderen Licht vergleichen. Der dunkle Hintergrund ist nur durch die enge Lichtführung dank Wabeneinsatz entstanden.

Danke für das tolle Feedback, es zeigt mir auf jeden Fall, dass ich auf dem richtigen Weg bin!!!


Dagaz schrieb dazu am Mi, 19. Okt 2011, 15:12

Nur mit Wabe?! Krass! Offenkundig habe ich die Richtwirkung der Dinger sehr unterschätzt...

<auf-meine-wunschlistesetz>


Sam schrieb dazu am Mi, 19. Okt 2011, 15:18

Ja! Darum freu ich mich auch grad wie ein Schneekönig, dass Du dachtest bei den beiden Bildern wäre mehr als das Licht unterschiedlich!! Das zeigt mir, dass die Wirkung von Lichtsetzung noch stärker unterschätzt wird als ich dachte.

Es handelt sich um diese Beauty Dish mit Wabe. Wobei ich gerade überlege eine andere Beauty Dish mit Wabe* zu kaufen, die vielleicht noch besser für Aufsteckblitze geeignet ist und die Halterung besser aussieht.

Das zweite Bild ist mit einem gegen die Decke gerichteten Aufsteckblitz gemacht worden, der entsprechend überall Licht hinstreut.

Und richtig erkannt, meine Inspiration zur Lichtsetzung kommt vom Film. Die sind einfach genial, was das angeht.


Sam schrieb dazu am Do, 20. Okt 2011, 09:02

Was mir grad noch einfällt:

Roger, dass ich mich so weit rechts am Bild positioniert habe, war Absicht. Wenn ich es jetzt nicht für das Blog beschnitten hätte, würde ich sogar noch weiter rechts stehen - das Bild soll ja darstellen, dass ich erschrocken, also aus dem Gleichgewicht gebracht  bin, entsprechend habe ich bewusst eine Bildaufteilung gewählt, die dies unterstützt, statt mich harmonisch in Szene zu setzen, habe mich auch aus dem Bild schauen lassen statt hinein.


R. Ramer schrieb dazu am Do, 20. Okt 2011, 12:06

Beim ersten Betrachten des linken Bildes hat mich die Bildaufteilung irgendwie gestört und abgelenkt. Weil ich meine Reaktion spontan nicht erklären konnte, habe ich das Bild genommen und das Motiv auf der Bildfläche herumgeschoben. Dabei habe ich herausgefunden, dass mich speziell die Nähe und damit Interaktion des Elbogens mit dem Bildrand ablenkte. Wenn ich das Motiv weiter nach links verschiebe, fällt diese Interaktion und damit die Ablenkung weg. Ein weitere positiver Effekt der Positionierung weiter links ist, dass die grosse schwarze Fläche, in der es nichts zu sehen gibt und für mich keine zusätzlichen Hinweise hinterlässt, wegfällt. Das Bild gewinnt sogar an Dynamik durch die nun verstärkt wirksame da beinahe das Bild durchlaufende Diagonale des Armes. Sie unterstützt nun die reflexartige Bewegung des Erschreckens, die sich in der Mimik und Gestik zeigt.

Die Person scheint mir nicht in Bedrängnis zu sein. Eine Einengung durch den Bildrahmen scheint mir deshalb nicht logisch zu sein.

Durch eine leicht tiefer Position des Motivs und damit mehr Platz über dem Kopf wird das Zusammenzucken besser erkennbar unterstützt. Eine leicht von oben herab blickende Kamera würde da noch weiter helfen.

Es ist für mich sehr spannend zu sehen, wie all diese einzelnen Gestaltungsmittel zusammenspielen können.


Sam schrieb dazu am Sa, 22. Okt 2011, 12:16

Roger, stimmt, es macht wirklich einen ziemlich anderen Eindruck, je nachdem ob ich links oder rechts im Bild steh. Ich muss noch etwas drüber sinnieren, welche Version ich besser finde, aber vor allem das tiefer setzen bzw. der höhere Kamerastandpunkt macht echt was aus um die Stimmung besser rüberzubringen:

Links oder rechts?


R. Ramer schrieb dazu am So, 23. Okt 2011, 11:05

Ich habe bei meinem eigenen Bild mit verschiedenen Positionierung, Formaten und Einstellungsgrössen herumgespielt.

(Grösseres Bild unter www.ramer-photographie.ch/blog/images/gestaltung_g.jpg)

Welche Version mir die Richtige erscheint, ist mir auch noch nicht klar. Gerade bei den Einstellungsgrösse ändert sich für mich auch die Aussage.


Sam schrieb dazu am So, 23. Okt 2011, 23:22

Cool! Das Blau und die Jacke passen gut, und der Fensterschatten im Hintergrund ist einfach genial, gefällt mir gut!

Je größer ich Dich im Bild seh, desto mehr wirkst Du unter Kontrolle. Zwar überrascht, aber aufmerksam. Vermutlich interpretier ich das in den Gesichtsausdruck. Wobei Du recht hast, beim ersten Bild mit dem vielen Raum links wirkst Du noch am ehesten überrascht.

Von der optischen Balance sind die wo Du eher rechts im Bild bist ausbalancierter. Spannend wär vielleicht noch ein Vergleich wo Du links im Bild bist (auch wenn da der Schatten verschwindet).

Wobei ich schon sagen würde, dass die Grundaussage der Bilder recht ähnlich sind, der Beschnitt verändert sie kaum. Der ist durch Blick, Haltung und Licht stark genug geprägt.


R. Ramer schrieb dazu am Fr, 28. Okt 2011, 08:52

In der oberen Reihe beim rechten Bild stehe ich eher rechts. Wie ich bemerkt habe, fällt dies bei einem Seitenverhältnis des Bildes von 4:3 gar nicht so auf. Bei dem von Dir geschickt gewählten sehr länglichem Format kann man mit der Platzierung schon viel mehr bewirken.

In einem alten Schinken aus der Reihe "Die Kodak Enzyklopädie der kreativen Fotografie" - anno 1985 geschrieben - las ich kürzlich etwas über Plazierung, das ich in "zeitgemässen" Bücher so nicht erklärt bekommen habe. Es geht dabei um Drittelung und Goldener Schnitt. Von Regeln spricht das Buch nicht. Im Kapitel "Harmonie und Ausgewogenheit" steht folgendes:

Drit­te­lung

Durch hori­zon­tale und ver­ti­kale Drit­te­lung des Bild­fel­des erge­ben sich vier Linien und eben­so­viele Schnitt­punkte sel­bi­ger Lini­nen. Die vier Schnitt­punkte sind beherr­schende Punkte inner­halb des Bil­des und für eine har­mob­ni­s­che Anmu­tung geeig­nete Orte, um bei der Wahl des Bild­aus­schnit­tes die­sen so zu wäh­len, dass der Haupt­ge­gen­stand auf einer die­ser Punkte zu lie­gen kommt. Vor­aus­ge­setzt, es sind andere Ele­mente vor­han­den, die für ein Gleich­ge­wicht sorgen.

Gol­de­ner Schnitt

Bei Bil­dern mit einem ein­zi­gen Gegen­stand ist der Gol­dene Schnitt ein nütz­li­ches Richt­mass. Dar­nach rückt der Gegen­stand etwas Näher zur Bild­mitte als bei der Drit­te­lung, so dass ein Ungleich­ge­wicht ver­mie­den wird, wenn grosse leere Flä­chen vor­han­den sind.

Syme­trie

Wenn Syme­trie typisch für ein Objekt ist, wird man es für einen ausgewogenen Eindruck bes­ser genau auf Mitte anordnen.

 

Im Zusammenhang mit unserer Diskussion habe ich gestern folgene Bildreihe gemacht (Symetrisch/Drittelung/Goldener Schnitt):

Bildfeldaufteilung

Das alte Buch hat recht! Und ich bin um eine Erfahrung reicher.


Sam schrieb dazu am Sa, 29. Okt 2011, 08:49

Die Hinweise aus dem Buch sind nicht schlecht.

Es ist echt beeindruckend, was für einen Unterschied es schon macht, ob die einzelne Tube in der Mitte oder seitlich steht. Entweder "Tadaaa" und im Mittelpunkt, oder wartend am Rand.

Wenn die anderen dazukommen, fühlt sich das mittige schnell aus der Balance gekommen an, rechtslastig. Die anderen wirken harmonischer bzw. ausbalancierter.


R. Ramer schrieb dazu am Mi, 09. Nov 2011, 11:26

Beim Betrachten der Bilder empfinde ich genau dasselbe wie Du. Rudolf Arnheim hat dies wissenschaftlich untersucht und festgestellt, dass unsere Wahrnehmung bei unausgewogenen Bildern ständig versucht, dies auszugleichen. Da dies nicht gelingt (und auch nicht gelingen kann), lenkt uns dies vom genussvollen Betrachten ab.

Wir Fotografen müssen also bemüht sein, ausgewogene Bilder zu machen. Im obigen Beispiel die Tube in der Mitte zu platzieren macht das. Es führt aber auch zu einem spannungslosen Bild. Mit der Platzierung im Goldenen Schnitt bringe ich mehr Spannung hinein und habe sogar eine harmonische Bildaufteilung geschaffen. Leider ist das Bild zumindes in obigem Fall nun nicht mehr ausgewogen, was unsere Wahrnehmung gar nicht toll findet.

Eine dumme Situation, in der sich der Fotograf da befindet. Wie ich kürzlich herausgefunden habe, sind andere auch schon auf dieses Dilemma gestossen. Laut Herr Mikunda kan man in einem solchen Fall dem bildwichtigen Element ein weiteres Bildelement so zur Seite zu stellen, dass das Bild Spannung bekommt und gleichzeitig ausgewogen ist.

Abb. "On Shot"

Da wir Fotografen eher selten einen "Film-Set" aufbauen lassen, "Props" und Schauspieler herumschieben, sonder meist in freier Wildbahn fotografieren, bleibt uns meist nichts anderes übrig, als unserern Standort zu verändern. Wir müssen ihn soweit veränden dass sich unter gleichzeitiger Berücksichtigung sich bewegender Bildelemente sich sozusagen von selbst ein spannungsgeladenes und zugleich ausgewogenes Bild im Sucher vormiert. Für Cartier Bresson war das dann der "entscheidende Moment". Er war ein Meister darin - mir gelingt es noch selten.

Abb. "On Shot" - Standortwechsel

Sind zwei Personen im Spiel, wird's etwas schwieriger, da ich nun zwei bildwichtige Elemente habe. Zudem kann ich den Verliebten nicht einfach sagen, einer soll sich eher rechts und der andere eher links ungefähr gemäss der Drittel-Regel hinstellen, weil ich damit die Bildaussage ändere: Je grösser der Abstand der beiden zueinander wird, desto stärker verlohren geht das Gefühl der Intimität zwischen den beiden. Will ich dagegen ausdrücken, dass sich zwei fremd sind, brauche ich einen grossen Abstand zwischen ihnen und sie sollten am linken bzw. rechten Rand sichtbar sein. Es wird also schon etwas kniffliger.

Abb. Two Shot

Habe ich keinen Einfluss auf die Szene vor mir muss ich auch hier wohl oder übel meinen Standort verändern.

Abb. Profile Two Shot

Während meinen Probeaufnahmen mit meinen sehr geduldigen Models hat die Drittelregel laufend an Bedeutung verlohren. Gleichtzeitig ist mir klar geworden, wie weit das Licht bzw. die Lichtführund auch die Ausgewogenheit eines Bildes verändern kann. Extrem gut sieht man dies an Deinen beiden Bildern ganz am Anfang dieses Artikels.


Sam schrieb dazu am Di, 15. Nov 2011, 08:30

Wow, die Vergleiche und vor allem die Bilder dazu sind gut!

Im ersten Bild zeigst du richtig schön, dass alleine in den goldenen Schnitt stellen (mittleres Foto) befremdlich aussieht, mit den Äpfeln als optisches Gegengewicht dagegen ausgeglichen wirkt (und das, obwohl die Äpfel dank ihrem knackigen Rot ein recht hohes optisches Gewicht haben).

Und in den Bildern danach zeigst du schön, wie Perspektive die beiden Figuren nah oder fremd wirken lassen kann. Alleine schon zwei Personen zueinander stellen zu können, so dass es nach Nähe wirkt aber sie nicht einfach banal nebeneinander oder voreinander stehen, ist eine tolle Fähigkeit als Fotograf!

Ich denke am wichtigsten ist, dass man selber einen Geschmack entwickelt. Das man auf ein Foto schaut und ein Gefühl dafür hat, ob es ausgeglichen ist, ob etwas fehlt, zu viel ist. Selbst Cartier-Bresson hat nicht nur ein Foto einer Situation gemacht, sondern viele Möglichkeiten ausprobiert und hinterher in der Dunkelkammer entschieden, welches davon ihm vom Gleichgewicht her am meisten zusagte.

Erst wenn man sehen kann, ob ein Foto gut ist, wird man in der Lage sein auch bessere Fotos zu machen.


R. Ramer schrieb dazu am Fr, 18. Nov 2011, 11:52

Dein Satz "Erst wenn man sehen kann, ob ein Foto gut ist, wird man in der Lage sein auch bessere Fotos zu machen." verfolgt mich nun schon seit Tagen. Stimmt er oder stimmt er nicht?

In gewisser Weise stimmt der Satz für mich. Meine Erfahrung hebt aber den Zeigefinger und sagt, dass der direkte Schluss vom Sehen zum Machen etwas zu direkt ist. Ich glaube, folgendes Gleichnis macht mein Unbehagen verständlicher: "Ich kann mein Zahnweh spüren, was aber nicht reicht, um es zu beheben.".

Der Zahnarzt verfügt über das notwendige medizinisches Wissen, mit dem er abschätzen kann, woher die Schmerzen kommen, kennt geeignete Behandlungsmethoden, die das Übel beseitigen, hat die dafür benötigen Werkzeuge und beherrscht diese so gut, dass er die Behandlung auch durchführen kann.

Mit dem üblen Bild und dem Fotografen müsste es doch auch in diese Richtung gehen, oder? Bei Deinen beiden Bildern am Anfang Deines Artikels sieht jedermann, dass das eine nicht so gut ist wie das andere. Aber jetzt wie weiter? Was macht der Laie mit dieser Erkenntnis, was der Fachmann? Wie kommt speziell der Laie in dieser Situation nun zum guten Bild?


Sam schrieb dazu am Fr, 18. Nov 2011, 12:29

"Erst wenn man sehen kann, ob ein Foto gut ist, wird man in der Lage sein auch bessere Fotos zu machen."

war etwas anders gemeint als von dir verstanden. Es war nicht gemeint als

"Wenn man sehen kann, ob ein Foto gut ist, macht man automatisch gute Fotos"

sondern mehr als ein

"Wenn man nicht sehen kann, ob ein Foto gut ist, wird es einem verdammt schwerfallen, zuverlässig gute Fotos zu machen."

Mir gingen dabei eher die Leute durch den Kopf, die nicht sehen, ob ein Foto gut ist oder nicht, aber bessere Bilder machen wollen: wie wollen sie das erreichen, wenn sie ein besseres Bild nicht erkennen, selbst wenn es ihnen auf der Nase rumtanzt?


R. Ramer schrieb dazu am Mo, 21. Nov 2011, 08:21

Solange dem Nichtsehenden keiner sagt, dass seine Bilder nicht gut sind, tut ihm das ja auch nicht weh und wir müssen uns keine Sorgen um ihn machen.

Die Wahrnehmungspsychologen sind der Meinung, dass jede(r) von uns über ein ästhetisches Empfindungsvermögen verfügt. Wir müssen also davon ausgehen, dass jeder spührt, ob er ein schlechtes oder gutes Bild vor sich hat. Ob es sich um ein ziemlich gutes oder um ein wirklich gutes Bild handelt, wird er hingegen nur spühren können, wenn er ein gutes ästhetisches Empfindungsvermögen hat. Auch dann kann man nicht davon ausgehen, dass er auch sieht (im Sinne von erkennen) oder sogar benennen könnte, was den Unterschied ausmacht. Leider reicht auch das Sehen und Benennen können nicht aus, um selber gute Bilder machen zu können. Da unterschiedet sich der Kritiker vom Künstler.

Soweit ich gelesen habe, wird Dein Buch mit Hilfe von Gegenüberstellungen arbeiten, um zu zeigen, wie unterschiedliche Lichtaufbauten bei ansonsten identischen Szenen wirken. Wenn ich die Bilder am Anfang Deines Artikels betrachte, bin ich überzeugt, dass jede(r) den Unterschied deutlich spühren und sehen kann. Die Bilder alleine werden dem Laien bei eigen Versuchen mit Licht noch nicht helfen. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Du nicht nur ein Bilderbuch machen willst?


Sam schrieb dazu am Mo, 21. Nov 2011, 08:44

Wenn der Nichtsehende nicht grad vorhat, als Fotograf seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist das völlig ok, stimmt.

Witzigerweise hab ich das Gefühl, dass Leute mit einem Gefühl für ein gutes Bild anfangen, und wenn sie dann lernen, was ein gutes Bild ausmacht, dieses anfängliche Gefühl erstmal verloren geht, weil sie dann auf irgendwelche unsinnigen Regeln achten. Sie schauen nicht mehr aufs Gesamtbild, sondern auf Details, suchen nach Dritteln, Schärfe, ausgefressenen Lichtern. Erst wenn sie über diese Phase hinweg sind, können sie wieder zu ihrem anfänglichen ästhetischem Gefühl zurückkehren.

Jau, und es stimmt, wer gut sieht kann nicht automatisch gute Fotos machen. Aber ich halte das Sehen für eine wichtige Voraussetzung. Wie weiß ich denn sonst, welche 9 von 10 Fotos ich wegwerfe und welches ich behalte? :)

Richtig erkannt, ich arbeite mit klarer Gegenüberstellung. Bei manchen Sachen ist das dann ganz klar und einfach zu sehen, bei anderen hingegen wird es schwierig, die Unterschiede zu benennen. Man sieht, das welche da sind, aber was bewirken sie? Darin liegt auch meine Hauptarbeit, in den Texten. Ist teilweise doch deutlich schwieriger zu greifen, als ich anfangs dachte - aber es ist total spannend, und ich mach das ja auch, um für mich selber daraus zu lernen.


Dagaz schrieb dazu am Mo, 21. Nov 2011, 12:27

Harhar! - Xerox behauptet das "persönliche ästhetische Empfindungsvermögen" überflüssig machen zu können Money mouth - wahrscheinlich eine Revolution zur Sicherstellung der Herrschaft des goldenen Schnitts und der Drittelregel für dynamische Symbolfotos (SCNR Wink).

Aber zum Thema: Ich freu mich schon auf das Buch. Das, was Sam zuletzt geschrieben hast ist nämlich genau das, was ich auch immer wieder schwierig finde. Fünf fast gleiche und gute Bilder und eigentlich will man nur eines davon behalten. Aber welches?

Oft hat das dann ja auch weniger mit Ästhetik zu tun, sondern viel damit, was man für eine Bildaussage haben will. Das ist zumindest das, was ich dann meistens als Entscheidungsbasis nutze.


R. Ramer schrieb dazu am Mo, 21. Nov 2011, 15:21

Ich schätze Xerox und das MIT, haben sie doch die erste und meiner Meinung nach reinste objektorientierte Programmiersprache namens Smalltalk erfunden.

Auf einen für mich brauchbaren Bildbewerungsautomaten für gute Bilder muss ich wohl noch etwas warten. Xerox schreibt auf der Website "https://services.open.xerox.com/WebApp2.svc/aesthetic-search/index.php" zu Portraitbilder:

What our algorithm says:

Good portrait pictures are detected when the light is good resulting in a "chiaroscuro". The background is for the most part dark as this makes for a better contrast with the primary subject.

Damit werden alle Portraits mit High Key Licht gleich mal als Ausschuss deklariert. Und solange die Erfinder Flickr- und Facebook-User als Experten für gute Bilder betrachten, traue ich dem Bewertungsresultat sowieso nicht.

 


Sam schrieb dazu am Mo, 21. Nov 2011, 19:57

Das kenn ich von Portraits auch nur zu gut: dutzende Fotos, welches davon ist denn nun sehenswert, und welche nicht? Das kann auch ich nicht in objektive Worte fassen :)

Ich kenn solche Marathon-Sessions nur zu gut: immer mal wieder ransetzen, bis ich in der richtigen Stimmung bin, und dann schnell durch: Hit oder Niete?

Klare Zielkriterien helfen mir da sehr weiter, stimmt. Wenns geht gehe ich auch als erstes nach diesen Zielkriterien durch. Bei Modeshootings zB: ist das Kleidungsstück gut zu sehen? Wenn nicht, dann weg. Das reduziert schon mal ganz gewaltig.

Bei normalen Portraits wird es schon schwieriger. Hier schaue ich gerne auf die Augen: sehen die gut aus oder nicht, das lässt sich schnell entscheiden und mistet großflächig aus.

Bei solchen Sessions denke ich mir immer, ein guter Fotograf zeichnet sich mehr dadurch aus, dass er hinterher die guten Fotos rauspickt und die schlechten untern Tisch fallen lässt, als durch seine Fotokenntnisse :)

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