Sam Jost
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Farbmanagement für die Digitalfotografie

Manchmal bekomme ich Beschwerden, dass meine Beschreibungen falsch sind. Mal wird angeprangert, dass ich nicht wissenschaftlich bin, mal, dass ich keine echten Meßmethoden einsetze oder auch gerne, dass meine Ausführungen ja technisch gesehen völlig verkehrt sind.

Ein Beispiel:

Wenn ich den Blitz schnell nacheinander auslöse, nimmt seine Helligkeit ab

Hier gabs die Kritik, das ist doch falsch, die Helligkeit nimmt nicht ab, der Blitz ist einfach noch nicht voll wieder aufgeladen, daher bringt er noch nicht die volle Leistung.

Technisch korrekt; und welchen Effekt hat das auf das Blitzlicht, wenn der Akku noch nicht wieder voll geladen ist? Ja, genau, die Helligkeit nimmt ab, es wird dunkler.

Noch einer:

Ein Objektiv ist 2/3 Blende dunkler als ein anderes

Jemand schaute genauer hin: wenn ich da jeweils einen Punkt rausnehme und [komplizierte Formel ausrechne] dann kommt maximal 1/7 Blende Unterschied raus, deine Meßmethode ist falsch.

Stimmt, ich hab nichts gemessen. Ich hab einfach nur festgestellt, dass ich die Kamera um 2/3 Blende heller stellen muss oder das Bild in Lightroom um 0.66 Blenden heller einstellen muss, damit es so hell ist wie das Bild des anderen Objektivs.

Anwendbarkeit ist mir wichtiger

Ich versuche Dinge so zu beschreiben, wie man sie wahrnimmt und wie sie die praktische Arbeit beeinflussen. Wenn in der Praxis mein Blitz seine Lichtfarbe oder Helligkeit verändert, dann schreibe ich nicht lang und breit über Ladezyklen, sondern über den Effekt. Wenn ich bei einem Objektivwechsel die Blende anpassen muss, damit das Bild gleich hell bleibt, fange ich nicht an wilde Messungen vorzunehmen, sondern nehme das als Vergleich, mit dem ich arbeiten muss: Die Belichtungs-Einstellungen an der Kamera.

Mir ist es wichtig, dass Ursache und Wirkung klar verständlich sind, in einer Form wie sie jeder für sich nachvollziehen kann.

Mein liebstes Beispiel ist immer noch:

Die Brennweite bestimmt die Perspektive

Hier dreht sich nun allen Technikern der Magen um. Technisch völliger Schwachsinn, die Brennweite ändert gar nichts, die Perspektive ändert sich einzig und alleine nur durch Veränderung des Kamerastandpunktes, nicht dadurch, dass ich die Brennweite ändere, und wenn du mal mit zwei unterschiedlichen Brennweiten vom gleichen Standpunkt aus Fotos machst und vergleichst musst du doch sofort einsehen, dass zwar weitwinklig aufgenommen mehr drauf ist, aber die Perspektive identisch ist.

Technisch korrekt, aber so benutze weder ich noch sonst jemand die Objektive: wenn ich mit einem Weitwinkel ein Portrait mache, gehe ich automatisch näher dran, wenn ich ein Tele benutze gehe ich automatisch weiter weg. Damit ändert für mich die Brennweite die Perspektive. Indirekt, weil sie mich dazu bringt den Standpunkt zu wechseln, aber das ändert den Effekt nicht.

Komplott der Besserwisser?

Der Psychologe Seth Roberts geht davon aus, dass jemand, der aufwändig etwas gelernt hat, oft versucht sich gegen andere abzusetzen, indem er seinen Ausdruck und Sprache so mit Fachwissen verschwurbelt, dass nur noch Eingeweihte ihn verstehen. Man ist unter sich, wer keine Ahnung hat, kann nicht mitreden und am besten auch nicht verstehen, und erst wenn man ihr Wissen und ihre Sprache lernt, darf man mit in ihren Elitären Club.

Ich seh das eher so dass diese Leute tatsächlich glauben, dass diese technischen Zusammenhänge notwendig sind, um ein Phänomen zu beschreiben. Wir haben in Schule und Ausbildung so sehr eingehämmert bekommen, dass es nur eine richtige Beschreibung gibt, dass alles andere nicht mehr gelten darf. Es geht nicht um Verständnis, sondern darum, dass auch ja alles 100%ig richtig ist.

Nur vergessen diese Leute etwas: vor dem Lernen kommt die Neugierde, und wenn ich den Effekt zeige, und jemand interessiert sich für die Hintergründe, dann wird er sie finden und verstehen. Wenn ich ohne Effekt einfach so die Hintergründe vorbete, schlafen die Leute eher ein als dass sie lernen - außer den ganz Hartnäckigen, womit wir wieder beim Elite-Club wären.

Schreibt verständlich!

Mein Appel an alle Schreiberlinge: versetzt euch in den Leser, versucht zu verstehen von welcher Stelle der kommt und schreibt so, dass er die Zusammenhänge leicht verstehen kann.

Veröffentlicht am Do, 08. Sep 2011, 19:41 von Sam

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Die Angst des Schreiberlings beim Kommentieren
von R. Ramer am Mo, 12. Sep 2011, 09:27
3von Sam
Sa, 17. Sep 2011, 08:19

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