Sam Jost
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Farbmanagement für die Digitalfotografie

Zum dritten Mal habe ich dieses Jahr Konzerte für FolkBaltica fotografiert. Vor zwei Jahren habe ich dazu einen Blogbeitrag über Konzertfotografie geschrieben, der inhaltlich immer noch topaktuell ist.

Dieses Jahr habe ich nun das wohl abschreckendste Beispiel eines Konzertfotografen erleben dürfen, was mich dazu inspirierte, aus den schlimmsten Handlungen mehrerer Fotografen die folgende Geschichte zu stricken. Natürlich sind alle Gedanken und Beweggründe frei erfunden, nur die Handlungen fanden auf dem einen oder anderem Konzert tatsächlich statt:

Der Konzertfotograf

Ein Musikfestival steht bevor, etliche Konzerte in verschiedensten Locations bei unterschiedlichsten Bedingungen. Genau das richtige Spielfeld für den Konzertfotografen. Bereits vorab beantragt er beim Veranstalter höflichst eine Akkreditierung als Pressefotograf für sämtliche Konzerte. Einzig eine Frage trifft ihn etwas unvorbereitet: "Für welche Zeitung schreiben sie denn eigentlich?". Dennoch schafft er es mit viel überreden einen Pressezugang für ein paar Konzerte zu bekommen.

Das erste Konzert findet in einer Location statt, die er gut kennt. Selbstsicher fordert er beim Einlass, dass er auf der Gästeliste steht, als wichtiger Fotograf, und man sich beeilen solle, ihn einzulassen. Zielsicher besetzt er in der fünften Reihe einen mittigen Platz mit guter Sicht, indem er seine Mütze darauf legt, geht dann weiter in die erste Reihe, wo er am Rand einen weiteren Platz mit Fototasche und Monopod belegt. Mit geübten Blick geht er nochmal seine Schätze in der Fototasche durch, die heute alle zum Einsatz kommen sollen.

Schon die Ansage des Konzerts nutzt er für erste Fotos, jeder Moment muss festgehalten werden. Klackklackklack. Bei den ersten Tönen kann der Konzertfotograf sich nicht mehr auf dem Platz halten, mit dem Weitwinkel-Objektiv muss er einfach ran, für gute Fotos. Klickklickklick. Auf dem Weg zum Mittelgang ein paar Bilder direkt von vor der Bühne. Klackklack. Keinen Moment verpassen. Klickklickklack. Im Mittelgang stehend hat er die ganze Bühne im Visier, wunderbar. Klackklackklack. Jetzt bloß keinen Gesichtsausdruck der Künstler verpassen. Klickklick.

Natürlich ist der Konzertfotograf kein Anfänger. Mit geübtem Blick blättert er, immer noch im Mittelgang stehend, durch die Fotos. Das Weitwinkel wird langweilig, ein leichtes Tele, das hätte jetzt was. Also zurück zur Fototasche, Objektiv gewechselt, zum leichten Tele. Und wieder in den Mittelgang. Detailaufnahmen der Künstler. Klick. Klickklickklick.

Der Konzertfotograf ist voll in seinem Element. Klackklack. Display an, Bilder kontrollieren. Näher ran, er muss einfach näher ran. Klickklack. An die Seite der Bühne, das ist unauffällig, da sind die Mikrophone nicht so im Bild, da kann er dichter ran. Klickklick. Das er voll im Scheinwerferlicht steht, direkt vor den Ehrengästen, merkt er nicht. Klackklackklack. Aus nächster Nähe mit inzwischen mittlerem Tele geht er jetzt richtig in die Details. Klickklickklick. Eine Schweißperle auf der Stirn der Musikerin? Klackklack. Ein Zucken der Mundwinkel? Klickklickklick.

Gerne würde er auch von der anderen Seite der Bühne Fotos machen, aber dort steht schon ein anderer Konzertfotograf, der nicht von der Stelle weicht. Sehr ärgerlich! Also wieder vor die Bühne. Klickklick. Zum Mittelgang.

Fast wäre der Konzertfotograf über den Fotografen der Tageszeitung gestolpert. Der muss sich unbemerkt während des Applauses reingeschlichen haben. Was sitzt der denn da versteckt auf dem Boden? Vielleicht ist von unten die bessere Perspektive? Der Konzertfotograf setzt sich daneben. Klickklickklick. Schielt zwischen den Fotos zum Pressefotografen rüber. Klackklack. Was benutzt der wohl für ein Objektiv? Klickklick. Schwer zu sehen, der Pressefotograf schaut mehr dem Konzert zu, als Fotos zu machen. Klackklack. Ha, der Konzertfotograf könnte das besser, ihn sollte die Zeitung mal lieber beauftragen als diesen Pressefuzzy. Der macht ja fast keine Fotos, das kann doch nichts werden. Klickklackklick. Jaaa, ein Lächeln bei der Sängerin! Klackklackklack. Die Musik wird fetziger. Klackklack. Unbedingt festhalten! Klickklick. Ungemütlich hier auf dem Boden, und kalt. Wie macht der Pressefotograf das? Wo ist der überhaupt schon wieder hin? Muss sich beim Applaus rausgeschlichen haben. Der kann doch keine Handvoll Fotos gemacht haben, was Anfänger die Zeitung bloss beschäftigt. Klickklackklick.

Wieder der Blick aufs Display. Die Schärfe könnte besser sein, zum Platz, das Monopod geholt, damit in den Mittelgang. Klickklack. Damit schafft er sogar 1/2s ohne Verwackeln. Klackklackklack. Das Murren in seiner Umgebung hört er nicht. Klickklickklick. Die Musik auch nicht. Klackklack. Hat er eigentlich von dem Gitarristen schon Detailaufnahmen? Klickklickklick. Und das Kabelgewirr auf dem Boden, das gehört doch zum Konzertfeeling unbedingt dazu. Klackklackklack. Und nochmal von tiefer unten fotografiert. Klickklick.

Trotz Monopod sind die Künstler verwackelt. Klickklick. Nichts zu machen. Das muss am schlechten Licht liegen. Monopod gegen den Aufsteckblitz getauscht. Aber natürlich blitzt er nicht direkt auf die Künstler, das würden ja nur Anfänger tun! Den Blitzkopf nach oben gedreht, jetzt kann nichts mehr passieren. Klickblitzklickblitz. Der Blitz verläuft sich ohne Effekt in der meterhohen Kirchendecke. Klackblitzklackblitz. Der Konzertfotograf merkt das gar nicht, stattdessen fotografiert er jetzt hochkant, in Portrait. Klickblitz. Den Blitz direkt in die Augen des Publikums gerichtet. Klackblitz.

Bildkontrolle, die Bilder sehen nicht gut aus. Der Konzertfotograf weiß sofort Bescheid: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel, wenn er grade hoch blitzt, beleutet er ja nur sich selber. Den Blitzkopf in 45° Stellung gebracht. Klackblitz. Ja, jetzt zeigt der Blitz Wirkung. Klickblitz. Dass nur das direkte frontale Licht des Blitzes das Motiv aufhellt, merkt er nicht. Klickblitz. Er blitzt indirekt, das muss gut sein. Klackblitz.

Ein Ordner tippt ihn an, bittet ihn, sich doch etwas mehr zurückzuhalten. Beleidigt zieht der Konzertfotograf sich auf seinen Platz zurück. Was fällt dem Ordner ein? Ein Konzert ist doch nicht zum Ansehen, sondern ein Hörerlebnis! Sollen die Zuschauer doch die Augen zumachen, wenn sie ein Problem damit haben, dass er da steht und fotografiert!

Kurz setzt er sich hin. Prüft seine Bilder, legt den Blitz weg, wechselt das Objektiv. Doch er erholt sich schnell. Von seinem Platz hält er jede Regung, jede Änderung des Gesichtsausdrucks der Künstler fest. Klackklackklack. Klickklickklick. Geht wieder an den Rand, ohne zu merken, dass er mehr im Licht steht als die Künstler. Klackklack. Neidisch schaut er auf den Fotografen auf der anderen Seite der Bühne, der sich hinter einer Box versteckt hat und von dort die Bühne mit Dauerfeuer ablichtet, nicht zu sehen, aber gut hörbar für die ersten Reihen der Zuschauer. Klickklickklickklickklickklick.

Immer noch tief getroffen, dass man seine Künste nicht zu schätzen weiß, macht der Konzertfotograf im Wechsel mit all seinen mitgebrachten Objektiven Fotos, bis das Konzert vorbei ist. Dann sammelt er seine Mütze von dem Platz in der fünften Reihe ein, wo er nicht einmal gesessen hat, und geht nach Hause.

Zu Hause wird die Kamera ordentlich verstaut. Die Bilder anschauen kann er später noch, jetzt muss der Konzertfotograf sich erstmal von der Anstrengung erholen.

Tage später entdeckt er überrascht die vielen Fotos auf der Speicherkarte, spielt sie auf den Rechner. Schaut sie durch. Freut sich, was für tolle Fotos er doch wieder gemacht hat.

Dann löscht er sie, seine Festplatte ist ja nun wirklich schon voll genug von solchen Fotos, den Namen der Band weiß er auch nicht, und was für Musik haben die eigentlich gespielt? Egal, weg damit.

Veröffentlicht am Fr, 15. Apr 2011, 18:37 von Sam

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KLICKKLACKBLITZ
von Nils Luther am Fr, 15. Apr 2011, 19:06
1von Sam
Fr, 15. Apr 2011, 19:20

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