Geiger - Landstreicher
Sam Jost
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Scharfe Fotos mit der Digitalkamera

Die Geschichte

Beatboxer Chris Hoedemaker

Zusammen mit Birgit helfe ich einmal im Jahr ehrenamtlich bei dem lokalen Musikfestival FolkBaltica aus. Hänge Werbebanner mit auf, helfe Räume aufbauen, Catering für die Musikanten einzurichten, auch mal Musikanten oder Instrumente durch die Gegend zu fahren, was halt so an Tätigkeiten anfällt. Zum Ausgleich können wir die Konzerte besuchen, lernen die Musiker hinter der Kulisse kennen, lernen viel über die Organisation solcher Events.

Letztes Jahr hatte ich nebenher einige Fotos vor und hinter den Kulissen gemacht, vermutlich erreichte mich deswegen dieses Jahr eine Woche vor dem Festival eine Anfrage: der Fotograf, der eigentlich das Festival hätte dokumentieren sollen, hatte sich ein Bein gebrochen, ob ich nicht auf ein paar Konzerten für ihn einspringen könne, damit man Fotos zur Dokumentation des Festivals und auf der Webseite hätte.

Vorüberlegungen zur Ausrüstung

Channe Nussbaum

Nach der Anfrage fing ich sofort mit der Planung an: welche Objektive will ich mitnehmen? Welche Kameras? Will ich einen externen Blitz benutzen? Brauche ich den Imagetank? Das einzige Stück Equipment, das sofort klar war, waren Ohrenstöpsel, denn selbst bei guter Musik landet man beim Fotografieren durchaus mal vor der Box, oder an anderen Orten wo es einfach viel zu Laut ist.

Wichtiger Punkt in der Planung: was sind die Vorgaben des Auftraggebers? Wofür will er die Fotos haben? Gibt es besondere Dinge die unbedingt fotografisch festgehalten werden müssen?

In meinem Fall war das recht einfach: die Fotos waren in erster Linie für die Webseite gedacht, es gab also keine besonderen Anforderungen an die Qualität, und es gab auch keine Vorgaben, was fotografiert werden soll.

Einzige Vorgabe war noch, die Konzerte bitte nicht übermäßig zu stören.

An Ausrüstung hätte mir die D90 samt 50mm Festbrennweite völlig gereicht, vorsichtshalber packte ich noch das 85/1.8 mit ein, und für den Spaß das Tokina 11-16/2.8, das ja auch noch halbwegs lichtstark ist. Dazu ein Ersatzakku und 16GB an Speicherkarten, was, obwohl ich in RAW fotografiere, für diese Einsätze mehr als ausreichte.

Ersatzkamera usw. ließ ich alles zu Hause, da ich nur wenige Minuten Fußweg von den Veranstaltungsorten wohne, hätte ich diese Sachen schnell nachholen können, wären sie nötig gewesen.

Als Tasche nahm ich die Tamrac Pro 8 (die mir nach einem Urlaub mit dem ThinkTankPhoto Airport Acceleration 2.0 sehr klein und eng vorkam, aber der Rucksack war definitiv zu unhandlich).

Im Hauptfach die Kamera mit einem Objektiv, wobei ich für jedes Objektiv einen festen Platz hatte, damit ich auch im Dunklen ohne Nachdenken immer das richtige Objektiv greifen konnte.

Was man bei Konzerten getrost vergessen kann, sind die Belichtungsautomatiken der Kamera. Die produzieren nämlich gerne überbelichtet Gesichter, wie man hier schön sehen kann:

Überbelichtet dank Automatik

Mit der manuellen Belichtung bekomme ich bei Konzerten wesentlich bessere Fotos.

Der Trick beim Belichten: Foto machen, in das Gesicht eines Musikers zoomen, die Belichtung so anpassen, dass das Gesicht korrekt belichtet ist (also vor allem nicht weiß überstrahlt).

Was man bei Bühnen oft ebenfalls vergessen kann, ist das Histogramm: Die Bühne ist schwarz, die Klamotten sind dunkel, das einzig helle sind oft die Gesichter der Musiker, vielleicht noch das eine oder andere Instrument.

Im Vergleich zu den dunklen Bildteilen sind die Gesichter oft vernachlässigbar klein, so dass man sie im Histogramm kaum sieht.

Sprich: Wenn du nach Histogramm belichtest, werden wahrscheinlich die Gesichter gnadenlos überbelichtet sein!

Was ich zur Ausrüstung dazugelernt habe

Musiker Peter Urban

Die wohl wichtigste Erkenntnis:

Geräusche nerven! Das betrifft nicht nur das Klackern des Auslösers, fast noch nerviger ist das Geraschel in der Fototasche, besonders störend das aufreißende Geräusch von Klettverschlüssen.

Nach dem ersten Konzert habe ich die Klettverschlüsse der Fototasche mit Gaffertape abgeklebt, was schon mal die schlimmste Störquelle beseitigte.

Um mir das abnehmen und ransetzen der Objektivdeckel zu sparen (macht Geräusche und kostet Zeit), habe ich einfach die Sonnenblenden an alle Objektive gesetzt, was als Abstandshalter zum Schutz der Frontlinse völlig ausreichte. Nachdem mir beim herausnehmen eines Objektivs aus der Fototasche ein lose herumliegender Objektivdeckel in der stillsten Stelle der Musik zu Boden fiel (die Tontechniker vom NDR werden mich verflucht haben), wurden die Deckel in ein Seitenfach verbannt, so das im Hauptfach wirklich nur noch Kamera und Objektive enthalten waren.

Schlagzeuger

Weniger ist mehr! Je weniger Objektive ich mit habe, desto weniger komme ich auf die Idee zu wechseln, sondern nutze halt das, was da ist. Ich hätte keine Bedenken ein Konzert mit einem x-beliebigen Objektiv zu fotografieren, vorausgesetzt ich habe volle Bewegungsfreiheit.

Manchmal ist ein Blitz gut. Vier Locations in denen ich fotografiert habe, hatten kein Bühnenlicht. In einer Kirche war das Licht hinter den Musikern, auf dem Empfang im Rathaus gab es nur Raumlicht aus Neonröhren, in der Musikschule wie auch im Schifffahrtsmuseum musste ich mit dem Leben, was die Fenster der sechs Räume an Licht einließen, die je nach Raum unglücklicher hinter den Musikern gelegen waren.

Da es um die Dokumentation und nicht um perfekte Fotos ging, verzichtete ich dennoch auf einen entfesselten Blitz, um die Konzerte nicht noch mehr zu stören.

Fotografen nerven!

Gitarre spielend

Auf allen Konzerten war das Fotografieren erlaubt. Entsprechend gab es im Publikum reichlich Leute mit Kamera, die fotografierten.

Einige dieser Fotografen waren ok: sie standen an ihrem Platz auf, oder reckten die Kamera in die Höhe, machten ein zwei Fotos und waren fertig.

Andere waren leider weniger dezent: das komplette Konzert hindurch hatten sie ständig die Kamera vorm Auge und schossen drauflos. Klar, wenn ich genug Fotos mache ist irgendwo auch eines, wo der Gesichtsausdruck des Musikers besonders ist, aber ist es das Wert? Denn im Allgemeinen sieht der Musiker auf jedem Foto gleich aus, an der gleichen Stelle der Bühne, mit dem gleichen Instrument in der Hand.

Ein paar wenige Fotografen waren extrem nervig: stellten sich direkt vor die Bühne und blieben dann einfach dort stehen, mitten im Blickfeld. Wenn man sich umstellt, sollte man sich mal umdrehen, um zu sehen, wem wir da eigentlich grade die Sicht stehlen.

Ganz ehrlich: würde ich ein Konzert organisieren, dann würde ich Bildaufnahmen verbieten. Nicht, weil mich die Fotos stören, sondern weil Fotografieren das Konzert stört!

Daher meine Bitte an jeden Hobbyfotograf: haltet euch bei ruhigen Konzerten mit dem Fotografieren zurück - irgendwann stört es die Veranstalter sonst so sehr, dass sie es ganz verbieten, was nicht in eurem Sinne sein kann.

Plane deine Fotos

Tom Daun mit Harfe

Als Helfer hatte bereits während der Generalproben Zutritt, und konnte so bereits vorab die Räumlichkeit ansehen. Ich wusste auch, wen ich fragen musste um den Ablauf oder Besonderheiten des Konzertes zu erfahren.

Auch wenn ich erst während des laufenden Konzertes kam, war meine erste Aktion, mir einen Überblick zu verschaffen. Mich an eine Stelle zu stellen, wo ich niemand störe, und mir in aller Ruhe die Bühne, die Musiker, die Räumlichkeit ansehen. Mir überlegen konnte, wen ich von wo aus fotografieren möchte, vor welchem Hintergrund. Bei den Hauptkonzerten habe ich mir sogar die Zeit genommen, in aller Ruhe das wechselnde Licht anzusehen, und mir zu überlegen, bei welchem Licht ich am liebsten fotografieren möchte.

Erst dann habe ich mir Kamera samt passendem Objektiv genommen, die Belichtung manuell eingestellt, und mich dann aufgemacht 'meine' Fotos zu machen. Dazu bin ich dann durchaus auch ganz dreist direkt vor die Bühne gegangen, habe dort die vorher geplanten Fotos gemacht, mich wieder zurückgezogen, und erst dann die Fotos geprüft, um mein im Bild stehen vor der Bühne auf ein Minimum zu reduzieren.

Nach meinem Vor die Bühne gehen dachte ein Hobbyfotograf wohl "das kann ich auch", ging ebenfalls vor die Bühne, dann aber nicht gleich wieder zurück, sondern dort mitten im Blickfeld, seine Fotos anschauend, mehr Fotos machend, einen noch besseres Foto suchend, bis ein Ordner ihn wegschickte, habe ich bei weiteren Konzerten bewusst versucht, erst in den letzten Stücken oder gar während der Zugabe zu fotografieren, um andere nicht auf dumme Ideen zu bringen.

ApplausHier ist aber vor allem die Erkenntnis wichtig, dass ich nicht zwingend von jedem einzelnem Musiker ein perfektes Foto brauchte. Es ging ja nicht um lückenlose Abdeckung, sondern um einen Eindruck.

Stattdessen lieber mal umschauen, ob es nicht nebenher auf dem Konzert ein paar schöne stimmungsvolle Dinge zu fotografieren gibt.

Mach mal Pause

Vor allem: fotografier nicht die ganze Zeit. Leg die Kamera mal weg, schau dir das Konzert einfach so an, schau dich um, guck dir an, wie andere Fotografen arbeiten, was dir daran gefällt, was nicht.

Vor allem: genieß die Musik!

PS: bei anderen Aufträgen wird es natürlich andere Zielsetzungen geben. Da will vielleicht eine Band richtig gute Fotos, und es ist nebensächlich, ob das Konzert gestört wird. Oder was auch immer - informiert euch also vorher, was von euch erwartet wird!

PPS: Fotos vom Festival findet ihr auf der FolkBaltica-Webseite unter Fotos 2009. Leider steht nicht dran, von wem welche Fotos sind, aber bisher sind gut 80% der Bilder auf der Webseite von mir. Nicht von mir sind vor allem die Fotos aus Unewatt (da war ich nicht), und die vom Festival-Finale mit Rasmus Storm (der andere Fotograf knipste so viel, dass ich mich nahezu völlig zurückgehalten hab - die Geiger im Freien sind von mir)

Veröffentlicht am Sa, 02. Mai 2009, 23:18 von Sam

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