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Sam Jost
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Wenn ich von Amok-Läufen lese, könnte ich immer das Kotzen kriegen. Nicht wegen der unnötigen Opfer, nicht wegen der ekligen Berichterstattung.

Was mich so richtig ankotzt, ist das scheinheilige Getue der Leute aus dem Umfeld des Täters: "Er war doch immer freundlich", "völlig überraschend, ein so netter Mensch", "Überhaupt nicht vorherzusehen, ein so ruhiger Mann".

Ja, wie überraschend. Jahrelang wurde auf dem Täter rumgetrampelt, und er war immer freundlich, hat das immer geschluckt, wieso nur wird er mit einem Mal aggressiv?

Wie lange muss man auf jemand herumtrampeln, bis er durchdreht?

Zum Kotzen! Und da fragen sich die Leute ernsthaft, reden gewichtig drüber, wie das nur sein kann. Die Computerspiele sind Schuld, die leicht verfügbaren Waffen, das Fernsehen, Psychopharmaka, bla bla bla. Kotz Kotz Kotz.

Mobbing, wie an diesen Menschen, ist in Schulen Alltag. Schüler leben in einer Hackordnung: nicht jeder nimmt an dieser Hackordnung teil, aber es gibt genug Schüler, die sich gegenüber ihren Mitschülern höher stellen, indem sie andere runter machen.

Schlimm trifft es ja nur wenige. Wenn die Schüler Glück haben, teilen sich mehrere die Position des gemobbten, dann lässt es sich eher ertragen. Schlimm wird es, wenn es nur ein Einzelner ist, der alles abbekommt.

Lehrer können entweder nichts unternehmen, weil sie es gar nicht mitbekommen, oder schlimmer, sie sehen tatenlos zu, weil sie nicht verstehen, was daran so schlimm sein soll. Die Opfer sind ja schließlich nicht umsonst die eher unbeliebten Mitschüler. Unbeliebt nicht nur bei ihren Mitschülern, sondern auch bei den Lehrern - Lehrer sind auch nur Menschen, keine Götter, die über den Dingen stehen.

Oder sie verstehen es nicht: was ist schon so schlimm dabei, wenn jemand Spitznamen hinterher gerufen werden? Das tut doch nicht wirklich weh, und das diese ab und an mal überreagieren und zurück schreien ist unerklärlich. Oft genug werden die gemobbten dann auch noch vom Lehrer zurecht gewiesen, wenn sie versuchen sich zu wehren. Schließlich haben sie auf ein paar harmlose Spitznamen völlig überreagiert. Sie selber hätten sich in ihrer Schulzeit ja auch Spitznamen anhören müssen, und wären deswegen nicht gleich Amok gelaufen. Dass zwischen hin und wieder mal geärgert werden, und systematisch jeden Tag ein Unterschied ist, das sehen, verstehen sie nicht.

ZUM KOTZEN!

Schon mal von der chinesischen Wasserfolter gehört? Der zu folternde bekommt hier bei unregelmäßig Wassertropfen auf die Stirn. Komische Folter. Völlig harmlos. Genau wie ein paar harmlose Spitznamen. Schon eigenartig, das mit der chinesischen Wassermethode gefolterte fast immer schwere psychische Schäden davon tragen. Durchdrehen.

Das "mal geärgert werden" von Menschen, die die Schulzeit unbeschadet überstanden haben, ist im Vergleich zu denen, die regelmässig gemobbt werden, etwa zu vergleichen mit "hin und wieder in einen Regenguss geraten" und "Monatelang mit der chinesischen Wasserfolter gequält zu werden". Nämlich gar nicht.

"Nein, das liegt natürlich nicht an dem Mobbing, der Folter. Die sind halt schon vorher labil. Computerspiele, Gewalt im Fernsehen, sie wissen schon. Völlig unberechenbar, wir können da gar nichts tun."

KOTZ KOTZ KOTZ!

Wer das wirklich glaubt, der soll sich doch bitte mal ein paar Tage, Wochen, Monate, Jahre, mit der Wasserfolter foltern lassen. Eben so lange, wie Schüler gemobbt werden.

Dabei ist bekannt, was Mobbing am Arbeitsplatz anrichtet. Menschen werden krank bis Arbeitsunfähig durch Mobbing. Und zum Arbeitsplatz gibt es wenigstens Alternativen, und sei es Arbeitslos sein. Die Schule dagegen ist eine Zwangseinrichtung. Der Schüler hat keine echte Wahl, er wird vom Gesetz, den Eltern, dem Umfeld, dazu gezwungen, jeden Tag wieder zur Schule zu gehen. Sich jeden Tag wieder Mobben zu lassen. Versucht er, dem auszuweichen, so bekommt er dazu noch Ärger mit der Schulverwaltung und mit den Eltern.

"Schüler können doch die Schule wechseln, wenn es gar nicht geht".

Pustekuchen. Es trifft doch nicht die Schüler mit einem gesunden Zuhause, wo sie jemand haben, dem sie ihre Sorgen erzählen können. Es trifft die Schüler, deren Eltern Probleme haben, sie zu verstehen. Die Schüler, die niemand haben, dem sie ihre Sorgen erzählen können. Die Schüler, die früh gelernt haben, das sie niemand vertrauen können, die immer wieder enttäuscht werden, und die entsprechend auch wenig Glauben an Titel wie "Vertrauenslehrer" haben. Zumal das bloße herumlungern in der Nähe der Tür des Vertrauenslehrers ja schon wieder ein willkommener Anlass ist, gemobbt zu werden.

Versagt hat das Schulsystem. Versagt haben die Eltern. Versagt haben die Mitschüler. Versagt haben die Freunde (wenn denn welche da sind). Die Wunden von teilweise jahrzehntelangem Schulmobbing gehen tief. Viel tiefer, als Psychologen annehmen. Das nicht mehr Schüler Amok laufen, ist eher ein Wunder.

Natürlich wird oberflächlich versucht, solchen Menschen zu helfen. Dummerweise sind die Lehrer aber nicht mal in der Lage, zu erkennen, wer denn dazu gehört. Ich erinnere mich noch an die selten dämlichen Fragen eines Lehrers in die Klasse, um zu erkennen, wer ein soziales Netz hat, und wer nicht. Natürlich geben die gemobbten das nicht zu, völlig alleine und ohne Halt da zu stehen. Natürlich versuchen sie zu verbergen, wie hilflos sie sind. Denn wenn sie das nicht tun, wenn jemand merkt wie es um sie steht, dann werden sie noch mehr gemobbt.

Mit der Abkehr von der Religion haben wir auch die Moral, die Ethik verloren. Den Schwachen helfen? Unfug, wir sind doch alle gleich, und jeder hilft sich selber. Auch gerne auf Kosten anderer. So macht es uns die Politik und die Wirtschaft doch vor.

Wenn ich Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr, Tropfen in ein Fass fülle, hat dann das Fass Schuld, wenn es überläuft?

Veröffentlicht am Do, 12. Mär 2009, 23:55 von Sam

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