Sam Jost
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Farbmanagement für die Digitalfotografie

(zum Inhaltsverzeichnis der Anleitung für entfesseltes Blitzen)

Eine Voraussetzung solltest du haben, wenn du mit dem entfesselten Blitzen anfangen möchtest: du solltest die manuelle Belichtung der Kamera verstehen. Es gibt inzwischen zwar auch Funkauslöser, die das alles automagisch für dich regeln, aber die wissen nicht, was du dir bei dem Foto gedacht hast.

Die Automatik weiß nicht, ob du das Gesicht des Musikers korrekt belichtet haben willst. Oder das glänzende Instrument. Oder den schwarzen Anzug. Und oft genug musst du dich für einen Referenzpunkt entscheiden, und bei der Automatik ist es dann eher Zufall, ob die Belichtung den trifft oder nicht.

Keine Automatik kann erraten, was du dir bei der Verteilung des Lichts gedacht hast. Keine Automatik kann erraten, wie viel vom Umgebungslicht du noch haben möchtest, wie viel von welchem Blitz.

Vor allem aber: je besser du die manuelle Belichtung beherrschst, desto besser wirst du auch die Kameraautomatik verstehen und einsetzen können.

Daher: stell deine Kamera auf M und leg los. Stell Belichtungszeit, Blende und ISO von Hand ein, mach ein Foto, korrigiere die Werte, bis dir das Foto gefällt. Lerne an der Kamera zu sehen, ob die Belichtung vom Foto so ist, wie du sie haben willst.
Um manuelles Belichten zu lernen, musst du die vier Faktoren verstehen, die die Belichtung eines Fotos bestimmen:

Die Belichtungszeit

Klar, die Belichtungszeit ist einfach die Zeit, die der Verschluss der Kamera geöffnet ist, wie lange also das Bild belichtet wird. Gemessen wird sie in Sekunden, ist aber üblicherweise nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Man spricht beispielsweise von einer sechzigstel Sekunde (1/60s) oder 1/250s Sekunde.

Je länger die Belichtungszeit (1/60s ist z.B. länger als 1/250s), desto mehr Licht kommt auf das Foto, desto heller wird das Foto. Umgekehrt, je kürzer die Zeit, desto weniger Licht kommt durch, desto dunkler das Foto.

Wichtig ist die Belichtungszeit im Zusammenhang mit Bewegung. Schon bei 1/10s ist ein quer zur Kamera gehender Mensch oder gar ein fahrendes Auto nur noch als verwischter Schemen zu sehen. Ab ca. 1/30s hat man die Chance einen sich wenig bewegenden Menschen scharf zu fotografieren, bei einem 1/125s ist Stoff im Wind durchaus noch unscharf, die Hände und Füße von sich schnell bewegenden Tänzern sind selbst bei 1/500s noch unscharf.

Wenn Du Bewegungen einfrieren willst, wirst du möglichst kurze Belichtungszeiten brauchen. Wenn ich Tänzer fotografiere bevorzuge ich Belichtungszeiten von 1/1000s und kürzer.

Umgekehrt ist es bei der Fotografie von fließendem Wasser. Wasserfälle, Wasserhähne, Springbrunnen sehen bei so kurzen Belichtungszeiten meist nicht schön aus. Wasser profitiert von längeren Belichtungszeiten wie 1/10s oder gar 1s.
Allerdings kommt bei so langen Belichtungszeiten ein weiterer Faktor ins Spiel: auch du bewegst dich und damit deine Kamera, was dazu führen kann, dass du dein Foto verwackelst. Hier gibt es einige Möglichkeiten, die Kamera zu stabilisieren, ob durch Aufstützen, durch hochtechnische Bildstabilisierung oder mit dem klassischen Hilfsmittel Stativ.

Du solltest wissen, bis zu welcher Belichtungszeit du mit welchem Objektiv noch zuverlässig aus der Hand fotografieren magst, ab wann du lieber zu einem Stativ greifen möchtest.

Ich persönlich fotografiere aus der Hand ungern länger als 1/100s. Ich kann zwar mit Anlehnen oder Aufstützen auch noch mit 1/2s brauchbare Fotos machen, aber das Bewegungsrisiko sowohl bei mir wie auch beim Motiv ist mir zu hoch (vielleicht sollte ich dazusagen, dass ich hier von Auftragsfotos spreche – bei Partyfotos hab ich kein Problem mit so langen Belichtungszeiten). Ausnahme sind natürlich Fotos, wo ich gerade diese Bewegungsunschärfe drin haben will.

Die Blende

Die Blende ist sozusagen das Ventil für das Licht. Du kannst sie dir wie einen Wasserhahn vorstellen: je stärker du den Wasserhahn öffnest, desto mehr Wasser kommt durch. Je mehr du die Blende öffnest, desto mehr Licht kommt aufs Foto.
Aus mathematischen Gründen ist die Blende eine etwas befremdlich anmutende Zahlenreihe:

1 – 1,4 – 2,0 – 2,8 – 4 – 5,6 – 8 – 11 – 16 – 22 – 32

Wie genau diese zustande kommt, spielt eigentlich keine besondere Rolle. Wichtig ist, dass die Blende weiter geöffnet ist, je kleiner die Zahl ist. In dieser Reihe ist also 1 viel weiter geöffnet als 32, weswegen Blende 1 viel mehr Licht durchlässt als Blende 32. Die Blende wird statt als einfache Zahl wie 16 oft als 1:16 (eins zu sechzehn) oder mit einem vorangestellten f wie in f16  geschrieben.

Manchmal hilft es, diese Blendenfolge auswendig zu kennen, man kommt schneller zum Ziel, aber eigentlich musst du nur wissen, dass das Bild heller wird, wenn du die Blende öffnest und dunkler, wenn du sie schließt.

Neben der Helligkeit hat die Blende vor allem Einfluss auf die Tiefenschärfe. Je weiter die Blende geöffnet ist, desto kleiner ist der Schärfebereich im Foto, und je weiter du die Blende schließt, desto größer wird die Tiefenschärfe im Foto. Bei einer extrem offenen Blende wie f1,4 sind je nach Objektiv nur weniger Millimeter des Fotos scharf abgebildet, während bei einer geschlossenen Blende wie f16 sehr große Bereiche des Fotos scharf abgebildet werden.

Bei Portraitfotos nimmt man daher gern eine offene Blende wie f2,0, damit der Hintergrund hinter der Person unscharf wird und nicht von der Person ablenkt, während bei Landschaftsfotos gerne eine geschlossene Blende wie f16 genommen wird, damit möglichst viel der Landscharf scharf abgebildet wird.

Bei offenen Blenden muss der Fokus genau sitzen, sonst sind von der Person nicht die Augen scharf, sondern die Ohren, was nur selten gut aussieht. Das größte Risiko bei offener Blende ist also, den Fokus nicht zu treffen.

Wenn du in einem Foto möglichst alles scharf haben möchtest, wirst du in die Versuchung kommen, die Blende ganz zuzudrehen, doch dies kann kontraproduktiv sein, denn je geschlossener die Blende ist, desto mehr kommt eine allgemeine Unschärfe ins Bild, die sogenannte Beugungsunschärfe oder auch Diffraktion. Diese ist zwar nicht stark, aber bei Vergrößerungen durchaus sichtbar, weswegen ich versuche, die Blende nur so weit zu schließen, wie es für die Schärfe in dem Bild nötig ist. Außerdem kostet eine geschlossene Blende viel Licht.

Die ISO

Die ISO ist sozusagen ein Lautstärkeregler für das Licht: je höher ich die ISO stelle, je größer der ISO-Wert, desto mehr wird das Licht verstärkt, desto heller wird das Bild.
Allerdings hat dieser Lautstärkeregler ein Problem: er schlägt auf die Qualität.

Je stärker ich die ISO aufdrehe, desto mehr leidet die Qualität des Fotos. Das Bild fängt an zu Rauschen, der Kontrast lässt nach.

Optimale Qualität ist meistens bei der kleinsten ISO gegeben, oft ISO 200 oder 100. Je nach Kamera kann ISO 1600 schon schrecklich aussehen, während bei anderen Kameras sogar ISO 6400 noch gut aussehen kann. Vor einigen Jahren war schon ISO 800 grottenschlecht, bei meiner aktuellen Kamera habe ich dagegen keine Bedenken mit ISO 3200 zu arbeiten.

Hohe ISO bringt vor allem Bildrauschen ins Spiel, aber das ist kein Grund, sie zu verteufeln: manche versteifen sich so darauf, dass sie einen Unterschied zwischen ISO 100 und 400 sehen können, dass sie in völliger Panik um jeden Preis hohe ISO vermeiden, oder in der Nachbearbeitung das Rauschen völlig plattbügeln. Dabei muss das Bildrauschen bei hoher ISO auf dem Druck gar nicht mal schlecht aussehen, im Gegenteil finde ich es passt manchmal sogar super zum Bild. Aber das hängt natürlich auch stark davon ab, wie das Rauschen aussieht: So sieht buntes Farbrauschen meist bäh aus, während Helligkeitsrauschen oft völlig in Ordnung ist.
Ansonsten ist ISO ein prima Helligkeitsregler: ISO runter macht das Bild dunkler, ISO rauf macht es heller. Optimal um die beiden anderen Faktoren Belichtungszeit und Blende auszugleichen.

Kompromiss Belichtung

Nun stell dir vor, du stehst in einer Landschaft. Du möchtest die Bäume und Blätter, die sich im Sturm bewegen, scharf eingefroren haben, also nimmst du Belichtungszeit 1/1000s. Außerdem soll alles scharf sein, also die Blende auf f16, dazu natürlich für die beste Bildqualität ISO 100.

Was wird passieren? Wahrscheinlich wird das Foto viel zu dunkel, denn alle drei Faktoren kosten dich viel Licht. Um das Foto heller zu bekommen, musst du Kompromisse eingehen. ISO 200 ist bei deiner Kamera genauso gut wie ISO 100, das ist zwar nicht viel, gibt aber ein wenig mehr Helligkeit. Du entscheidest, dass die Blätter auch bei 1/500s noch scharf genug sind, und Blende 11 ausreicht, um alles, was dir wichtig ist, scharf zu bekommen.

Jeder dieser Schritte bringt ein wenig mehr Helligkeit.

Was, wenn das immer noch nicht ausreicht?

Dann musst du dich entscheiden, wo du Abstriche machen willst. Was dir an diesem Foto am wichtigsten ist. Sind die Blätter so klein, dass die Bewegung doch gar nicht so sehr auffällt? Dann kannst du die Belichtungszeit länger machen. Ist bei deiner Kamera das Bildrauschen auch bei hoher ISO erträglich? Dann die ISO hochdrehen. Auf die Tiefenschärfe wirst du bei Landschaft vermutlich als letztes verzichten wollen, aber manchmal ist auch das eine Option.

Manchmal ist es so dunkel, dass du bei einem Faktor richtig große Abstriche machen musst. Häufig ist es dann besser, statt jeden Faktor ein wenig abzuschwächen lieber einen davon völlig aus dem Ruder laufen zu lassen: Vergiss die scharfen Blätter. ISO 100, Blende f16, die Kamera aufs Stativ, das Bild mehrere Sekunden lang belichten, bis genug Licht für die gewünschte Blende und ISO zusammenkommt. Dann sind die Blätter richtig unscharf, zeigen damit aber den Sturm im Wetter besser. Vielleicht sind sogar die Wolken schon verschwommen durch die lange Belichtung.

Statt der Automatik zu überlassen, einen faulen Kompromiss aus den drei Faktoren Zeit, Blende und ISO zu finden, hast du dann bewusst entschieden, welche Faktoren dir wichtig sind. Hast dich für die Tiefenschärfe und die Qualität entschieden und dafür die Bewegung in Kauf genommen.

Diese Entscheidung, welche Faktoren dir wichtig sind, kannst und musst du beim manuellen Belichten bei jedem Foto neu treffen. Und diese Entscheidungen, dieser Fokus auf das, was dir wichtig ist, machen ein interessantes Foto aus.

(zum Inhaltsverzeichnis der Anleitung für entfesseltes Blitzen)

Veröffentlicht am Sa, 29. Nov 2008, 08:26 von Sam

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