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Sam Jost
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'Werte'?06.05.2006

Zufall. Das Wort bedeutet ja eigentlich nur das man den Zusammenhang nicht sieht weil er entweder zu komplex ist oder sich viele Teile der Sicht entziehen. Ich las das Buch 'Spieltrieb' von Juli Zeh, einfach weil mich das Cover ansprach. Und hab mich total mit einem Problem der Hauptfigur identifizieren können. Habe lange mehr kein Buch in dem Tempo gelesen, lange hat mich kein Buch mehr so angeregt. Daraus entstand auch mein Eintrag über die Kreuzung an der ich grade stehe, und es hat mir die Begeisterung für das Lesen wiedergegeben. Mir was zu Denken gegeben.

Womit ich mich in erster Linie identifizieren kann, ist die Gleich-Gültigkeit der Hauptperson gegenüber eigentlich allem. Die feste Meinung dass egal wie es kommt, was passiert, es weitergeht. Und selbst wenn nicht, es auch keine große Rolle spielt.

Diese Wertelosigkeit sehe ich zur Zeit auch in mir selber. Ich lebe einige Werte, weil ich es bequemer finde, nicht weil ich diese Werte wirklich idealisiere. Das Leben ist z.B. einfach ruhiger wenn man für sein Geld arbeitet, als wenn man betrügt. Auch Treue finde ich schlicht einfacher und stressfreier, und halte mich deswegen daran.

Der Nervenkitzel den einige beim Verletzen von Werten sehen, fremdgehen, betrügen, empfinde ich nur als Zeitvertreib, wie Fernsehen oder im Internet surfen ein sehr effektives totschlagen von Zeit ist. Man ist dann so sehr mit anderen Dingen beschäftigt dass man nicht merkt wie die Zeit vergeht. Der Nervenkitzel verdrängt andere Sorgen. Kurzzeitig.

Wie ich den Werten keinen besonderen Wert zumesse ist es ähnlich mit Menschen. 'Ich kann ohne Dich nicht leben' wurde so oft widerlegt dass ich bewusst wie unterbewusst weiß das es nicht stimmt. Es geht immer ohne. Es mag mal schmerzhaft sein, aber die Schmerzen kommen nicht von dem Menschen der fort ist, sondern alleine aus einem selber. Und es liegt auch an einem selber diese Schmerzen herbeizuholen, oder hinter sich zu lassen. Eine vermeintlich nötige Aussprache mit jemand anders ist darin begründet dass man etwas loswerden oder verstehen will. Sie ist in einem selber begründet, nicht in dem anderen. Alles was man fühlt, denkt, liegt in einem selber. Also sollte man auch die Verantwortung dafür übernehmen und nicht versuchen anderen die Schuld zuzuschieben, sich vor der Eigenverantwortung zu drücken. Hier gebe ichByron Katie uneingeschränkt recht.

Kein Mensch ist ersetzbar, dennoch ist jeder Mensch ersetzbar. Die Bedeutung des Wortes ist so weitumfassend dass beides Sinn macht.

Ich glaube im Film 'Heat' war es, wo der Gangster immer wieder betonte wie wichtig es ist alles in 30 Sekunden hinter sich lassen zu können, sich nicht von der Vergangenheit bestimmen zu lassen. Ich hab null verstanden warum er seinen eigenen Ratschlag nicht befolgen konnte und in seinen Tod ging um jemand zu rächen. Inzwischen verstehe ich was der Film mir damit zeigen wollte, nachvollziehen kann ich es nicht. Ich wäre wohl ein guter Gangster geworden - tja, falsche Karriere eingeschlagen. Pech, auch dem trauer ich nicht nach.

'Wir sind nicht Nihilisten, die glauben ja zumindestens an etwas: das nichts. Wir glauben nichtmal daran.' der Wortlaut in 'Spieltrieb.' war anders, aber die Aussage habe ich so verstanden.

Und nein, mir ist nicht alles egal, ich erhalte den Status Quo, habe eine für mein Empfinden gute Grundlage ... Jetzt muss ich nur noch rausfinden für was.

Vielleicht ist es doch entgegen meinem Widerstreben die jahrmillionenalte Evolution, die den Fortgang der Art als wichtigen Baustein im Menschen gepflanzt hat, ohne den ein Leben sich sinnlos anfühlt. Oder halten einen Kinder einfach nur so beschäftigt dass man dann nicht mehr zum Nachdenken kommt bis sie aus dem Haus sind, und selbst dann beschäftigen sie einen weiter?

Wenn man die generelle Lebenshilfe, 'ich suche meinen Sinn fürs Leben' und ähnliche Literatur liest, stellt man immer wieder fest dass die beispielhafte Lebensaufgabe dort ist, anderen Menschen zu helfen ihren Sinn im Leben zu finden. Das liegt offensichtlich daran dass die Schreiber sich selber als Beispiel nehmen. Wenig überraschend. Wenig hilfreich für mich.

Ich vermute auch dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin. Ich kenne viele Leute die Ruhe nicht ertragen, die immer Ablenkung brauchen, was ich als deutliches Beispiel sehe dass sie sonst über ähnliche Dinge nachdenken würden, und es nicht wollen. Ich sehe mich hier nicht als etwas besonderes. Das einzige was vielleicht besonders ist, ist dass ich es öffentlich schreibe, weil ich weiß dass mir die Konsequenzen nicht weiter weh tun werden. Weil sie mir gleichgültig sind.

Vielleicht ist es ja wirklich so dass unsere Seelen vorher im Himmel planen was sie auf Erden erleben wollen, sich verabreden. Oder wir sind, wie Arthur gegenüber Slartibartfast annimmt, kleine Rädchen in einer komplexen Maschine die zu einem Sinn gebaut wurde den wir nicht im geringsten erahnen können. Es ist schon erstaunlich genug dass es überhaupt eine Rolle spielen soll. Das es nicht einfach eine absolute Situation gibt in der wir sind, und auf die wir Objektiv reagieren. Doch (soweit ich weiss), auch im Schach ist nicht nur die momentane Position wichtig, sondern genauso wie sie aufgebaut wurde, jedenfalls wenn sie nicht völlig eindeutig und klar ist. Je komplexer das Spiel wird, desto wichtiger werden Herkunft und Ziel wohl.

Denn alles ist Möglich. Erst aus Herkunft und Ziel kann man schliessen welcher weitere Weg Sinn macht. Man kann auch einfach abwarten wo es einen hintreibt, aber dieses passive Spiel in das ich immer wieder falle hab ich Leid. Ich will aktiv gestalten, nicht nur reagieren. Sammle Möglichkeiten, überlege was ich ausprobiere um weiterzukommen, um Ziel und damit Weg zu finden. Um diesmal nicht weg- sondern hin zu laufen. Aktivität braucht einen Grund.

Irgendwo habe ich mal gelesen dass man sich die Dinge ansehen sollte die einem unangenehm sind. Das sich hier ein tieferer Blick, ein dran arbeiten lohnt. Mir fällt es sehr schwer Leuten meine Meinung klar ins Gesicht zu sagen. Wenn ich die Leute nicht mag/kenn ist es mir den Streß nicht Wert, wenn ich sie kenne will ich es Ihnen nicht antun. Das scheint mir eine lohnenswerte Stelle zum Ansehen und Verändern.

Beeindruckend finde ich im Moment mein Gefühl des zeitlosen Wartens. Als würde die Welt den Atem anhalten, in Zeitlupe laufen, darauf warten dass ich mich entscheide, sich dann weiterdrehen. Dabei weiß ich dass auch das nur in mir selber ist, ich alleine das gestalte, es nur mir so vorkommt.

[Supertramp - Rudy]

Veröffentlicht am Sa, 06. Mai 2006, 07:57 von Sam

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